Ansatz

Die programmatische Ausrichtung der Forschungsstelle.

Was wir erforschen

Ordnungen der Erfahrung

Politisch wird Erfahrung nicht erst dort, wo sie sich ausdrücklich auf Staat, Macht oder Öffentlichkeit richtet. Politisch ist bereits die Ordnung des Erscheinens, innerhalb derer etwas als bedeutsam oder nebensächlich, normal oder abweichend, vertraut oder bedrohlich hervortritt.

Die Phänomenologie stellt mit Begriffen wie Situation, Feld und Welt ein Instrumentarium bereit, um diese Ordnungen zu untersuchen. Sie fragt danach, wie Körper in Räumen orientiert werden, wie Stimmen unterschiedliches Gewicht erhalten und wie sich Möglichkeiten des Handelns ungleich öffnen oder verschließen. Dadurch lässt sich untersuchen, wie Machtverhältnisse, soziale Ungleichheiten und Diskriminierungen in Wahrnehmungs-, Handlungs- und Erfahrungsordnungen wirksam werden. Politische Erfahrung bezeichnet daher keinen abgegrenzten Erlebnisbereich, sondern die Weise, in der gesellschaftliche Ordnungen mitbestimmen, was wem wie erscheinen und möglich werden kann.

Institutionen und Sinnfelder

Politische Phänomenologie verbindet deshalb zwei Analyserichtungen. Sie geht von konkreten Erfahrungen aus und erschließt die leiblichen, räumlichen und institutionellen Bedingungen, die sich in ihnen zeigen. Zugleich untersucht sie gesellschaftliche Ordnungen danach, wie sie im Erfahren und Handeln angeeignet, reproduziert oder bestritten werden. Erfahrung und Institution sind dabei nicht voneinander getrennt: Erfahrungen sind immer schon gesellschaftlich strukturiert, während Institutionen nur fortbestehen, indem sie in Wahrnehmungen, Praktiken und Beziehungen wirksam werden. Dieses Verhältnis besitzt eine zeitliche Struktur, die sich phänomenologisch mit dem Begriff der Stiftung fassen lässt. Stiftung bezeichnet die Eröffnung eines politischen Feldes, das durch Wiederholung, Sedimentierung und Institutionalisierung Bestand gewinnt – und gerade deshalb auch verändert werden kann.

Die zeitgenössische politische und kritische Phänomenologie knüpft damit an Husserl, Heidegger und Merleau-Ponty ebenso an wie an Sartre, Beauvoir, Fanon, Arendt, Levinas und Waldenfels. Zugleich unterzieht sie die klassische Phänomenologie einer postkolonialen, feministischen und gesellschaftskritischen Revision. Methodisch lässt sich diese Transformation als Übergang von der Epoché zur Interrogation, von der Reduktion zur Exposition und von der Aufweisung zur Demonstration beschreiben.

Konflikt und Transformation

Für demokratische Ordnungen ist diese Perspektive besonders wichtig. Konflikte sind nicht nur Störungen einer bestehenden Ordnung; sie können übersehene Probleme und festgefügte Ausschlüsse sichtbar machen. Doch nicht jeder Konflikt ist bereits demokratisch. Demokratie setzt Pluralität voraus und muss zugleich Formen finden, in denen unterschiedliche Erfahrungen und Ansprüche öffentlich in Erscheinung treten und streitbar bleiben. Unter welchen Bedingungen kann öffentliches Streiten Widerspruch ermöglichen und Macht begrenzen? Wie können Entscheidungen für Einwände und Veränderungen offenbleiben? Und wie lassen sich aus pluralen Erfahrungen und Konflikten Maßstäbe der Normativität und Kritik gewinnen?